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August 18, 2015 / garpswelt

In der Flüchtlingsunterkunft

Nachdem ich mich heute wieder einmal über Artikel und Kommentare über Flüchtlinge aufregen musste, habe ich beschlossen, meine Wut endlich in positive Energie umzuwandeln. Etwas für Flüchtlinge zu tun, anstatt sinnlos im Internet zu diskutieren. Ein Teil unserer Gesellschaft scheint Argumenten tatsächlich nicht mehr zugänglich zu sein. Das macht mir Angst, dürfte aber einen eigenen Blogpost füllen.

In Bremen hat sich die „Flüchtlingshilfe Bremen“ über Facebook gegründet, die mit vielen Flüchtlingsunterkünften täglich in Kontakt steht und den Bedarf täglich auf ihrer Seite erneuert. Ich entschloss mich der Unterkunft an der Universität am NW 1 zu helfen, nahm Kontakt zur „Flüchtlingshilfe Bremen“ auf und bekam postwendend eine Antwort. Bei Thalia erstand ich jeweils ein Wörterbuch für die arabische, die persische und die albanische Sprache. Für die kurdische war leider keines zu haben. Aufgrund meines Kaufes rechnete ich minütlich mit der Zuteilung eines eigenen Schlapphutes des Verfassungsschutzes, aber entweder bin ich entkommen oder er hat sich bisher gut getarnt. Bei Rossmann schnappte ich mir benötigtes Deo und Rasierschaum und schleppte die 20 Dosen zur Kasse. Die Kassiererin wies mich zunächst darauf hin, dass Sonderangebote lediglich in haushaltsüblichen Mengen abgegeben werden. Als ich entgegnete, dass die Sachen für eine Flüchtlingsunterkunft seien, meinte sie nur „Ach so!“ und begann sofort zu scannen. So kann es also auch laufen, danke Rossmann.

Mit der Straßenbahn fuhr ich zur Universität und ging die wenigen Meter zum NW 1. Gerade als ich mich fragte, wo denn hier eine Unterkunft sein soll, tauchten hinter dem Gebäude riesige weiße Zelte mitten auf der grünen Wiese auf. Es gibt keine vernünftigen Zufahrten, der Weg ist nach zwei Tagen Dauerregen schon recht schlammig. Angesichts des anhaltenden Regens waren um die Unterkunft kaum Menschen zu sehen. Mir fiel spontan ein, dass ich das ja von verregneten Festivals kennen, da sitzt man auch überwiegend im Zelt oder unter dem Pavillon. Nur, dass das hier für die Flüchtlinge kein Festival ist. Das ist alles, was sie derzeit noch im Leben haben. Direkt am ersten Zelt standen und saßen einige Menschen, die mich freundlich mit „Hallo“ oder „Guten Tag“ begrüßten. Als ich auf Englisch nach einem Büro fragte, zeigte ein Flüchtling lächelnd auf einen Security, der sich dem Eingang näherte. Ich erklärte ihm mein Anliegen, er schloss das Büro auf und verstaute meine Spenden. Ein Junge ließ es sich nicht nehmen, sich kurz in das Büro zu schleichen, um zu sehen, was sich in meinen Tüten befand. Lachend zeigte der Security ihm die Sachen und erklärte ihm, dass wie immer alles von der Büroleitung verteilt wird. Alle Flüchtlinge verabschiedeten mich mit einem „Danke“ und „Bye“. Und das war es auch schon, ich trat meinen Heimweg an. Hilfe kann fürchterlich umspektakulär sein. Ich habe mich nicht eine Sekunde aufgrund der Menschen unwohl in und um die Unterkunft gefühlt, alleine aufgrund der Umstände. Dass ich nun zurück in meine trockene Wohnung fahre. Mit richtigen Wänden. Einem richtigen Bad. Einem richtigen Dach.

Der erste Schritt hat mich ermutigt zu versuchen, mich in den nächsten Wochen stärker in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Ich werde es vermutlich nicht durchhalten, gar nicht mehr mit Betonköpfen im Internet zu diskutieren. Und werde Rassisten dort weiterhin als Rassisten benennen. Aber das hilft keinem Flüchtling vor Ort. Wut und Ohnmacht in positive Energie umwandeln.

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  1. lilaemma / Aug 18 2015 6:43 pm

    Hat dies auf lilaemma rebloggt.

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